998 gut eingesetzte Steine und die Ressourcenorientierung

Vor kurzem bin ich auf eine Geschichte gestossen, die ich gerne mit Ihnen teilen möchte. Sie zeigt wie es uns Menschen schnell passieren kann, dass wir zwei fehlerhaften Backsteine in den Mittelpunkt stellen, die 998 perfekten Backsteine darum herum aber ausser Acht lassen und so auch die damit verbundenen Möglichkeiten aus den Augen verlieren.

Zwei mangelhafte Backsteine (aus Ajahn Brahms Buch „Die Kuh, die weinte“, Lotos Verlag, ISBN 978-3778781838)

(…)Bauarbeiter konnten wir uns nicht leisten – schon die Kosten für das Material waren ja kaum aufzubringen! Also musste ich das Bauen von Grund auf erlernen: wie man ein Fundament legt, betoniert, mauert, ein Dach zimmert und sanitäre Einrichtungen einbaut, eben alles, was zum Bau gehört. (…)

Dem Außenstehenden mag Maurerarbeit leicht erscheinen: Man pappt etwas Mörtel auf den Stein, setzt ihn an seine Stelle und klopft ihn ein bisschen fest. Wenn ich aber leicht auf eine Ecke schlug, um eine ebene Oberfläche zu erhalten, stieg eine andere Ecke nach oben. Kaum hatte ich diese auch festgeklopft, tanzte auf einmal der ganze Stein aus der Reihe. Behutsam brachte ich in ihn also wieder in die richtige Position, um gleich danach festzustellen, dass die erste Ecke schon wieder hochragte. Es war zum Verzweifeln. Wenn Sie mir nicht glauben, versuchen Sie’s doch selbst einmal!

(…) Ich gab mir also große Mühe, jeden Backstein perfekt einzupassen, ganz gleich, wie viel Zeit ich dafür benötigte. Und irgendwann war die erste Backsteinmauer meines Lebens fertig gestellt. Voller Stolz trat ich einen Schritt zurück, um mein Werk zu begutachten. Erst da fiel mir auf – das durfte doch nicht wahr sein! -, dass zwei Backsteine das Regelmaß störten. Alle anderen Steine waren ordentlich zusammengesetzt worden, aber diese zwei saßen ganz schief in der Mauer. Ein grauenvoller Anblick! Zwei Steine hatten mir die ganze Mauer versaut. (…)

Als ich die ersten Besucher durch unser neues Kloster führte, vermied ich es stets, mit ihnen an dieser Mauer vorbeizugehen. Ich hasste den Gedanken, dass jemand dieses Stümperwerk sehen könnte. Etwa drei oder vier Monate später wanderte ich mit einem Gast über unser Terrain. Plötzlich fiel sein Blick auf meine Schandmauer.

»Das ist aber eine schöne Mauer«, bemerkte er wie nebenbei.

»Sir«, erwiderte ich überrascht, »haben Sie etwa Ihre Brille im Auto vergessen? Oder einen Sehfehler? Fallen Ihnen denn die zwei schief eingesetzten Backsteine nicht auf, die die ganze Mauer verschandeln?«

Seine nächsten Worte veränderten meine Einstellung zur Mauer, zu mir selbst und zu vielen Aspekten des Lebens.

»Ja«, sagte er. »Ich sehe die beiden mangelhaft ausgerichteten Backsteine. Aber ich sehe auch 998 gut eingesetzte Steine.«

Ich war überwältigt. Zum ersten Mal seit drei Monaten sah ich neben den beiden mangelhaften Steinen auch andere Backsteine. Oberhalb und unterhalb der schiefen Steine, zu ihrer Linken und zu ihrer Rechten befanden sich perfekte Steine, ganz gerade eingesetzt. Ihre Zahl überwog die der schlechten Steine bei weitem.

Bis dahin hatte ich mich ausschließlich auf meine beiden Fehler konzentriert und war allem anderen gegenüber blind gewesen. Deshalb konnte ich den Anblick der Mauer nicht ertragen und wollte ihn anderen Menschen auch nicht zumuten. (…) Jetzt, zwanzig Jahre später, steht sie immer noch, und inzwischen habe ich längst vergessen, an welcher Stelle die mangelhaften Backsteine stecken. Ich kann sie mittlerweile tatsächlich nicht mehr sehen.

(…) In Wahrheit gibt es jede Menge guter Steine, perfekter Steine – oberhalb und unterhalb unserer Fehler, zu ihrer Linken und zu ihrer Rechten – aber manchmal können wir sie einfach nicht sehen. Stattdessen konzentriert sich unser Blick ausschließlich auf die Fehler. (…)

Natürlich gehört es auch zu unserem Leben uns mit den fehlerhaften Backsteinen auseinanderzusetzen. Sei es, dass wir uns damit konfrontieren, sie annehmen oder auch los lassen. Dabei sollte unser Blick, unser Bewusstsein und unser Herz die 998 wohlgeformten Backsteine im Auge behalten und diese wertschätzen, nutzen und sich daran freuen, denn dort drin liegen unsere Stärken, Fähigkeiten und Kraftquellen, die uns in der Umsetzung unserer Wünsche und Erreichung unserer Ziele unterstützen.

Eine respektvolle, wertschätzende Haltung den 998 wohlgeformten Backsteinen gegenüber zu entwickeln und den zwei fehlerhaften Backsteinen punktuelle Aufmerksamkeit zu schenken, das bedeutet Ressourcenorientierung. Seien Sie sich gegenüber grosszügig und verständnisvoll, wenn Ihnen etwas einmal nicht gelingt. Geben Sie sich eine neue Chance und vielleicht entdecken Sie dabei noch einen ganz anderen Weg.

Auf Ihrem Weg wünsche ich Ihnen gutes Gelingen.